Zur ABA-Debatte auf dem Blog der Aktion-Mensch oder: Der naturalistische Fehlschluss

Nach dem Lesen aller Kommentare auf dem Blog der Aktion Mensch zur Einstellung der Förderung[1] von ABA (Applied Behaviour Analysis) komme ich zu folgendem Schluss:

Das Hauptargument der ABA-Vertreter ist: Es funktioniert.

Das Hauptargument der ABA-Kritiker ist: Es ist unethisch.

Diese beiden Argumente spielen sich auf grundsätzlich verschiedenen Ebenen ab: Die Ethik ist ein theoretischer Diskurs, die Funktion ein Praktischer.

Oder, aus wissenschaftlicher Sicht gesprochen:

Das Argument der ABA-Vertreter, dass ABA funktioniert, kann man empirisch (d.h. mit wissenschaftlichen Studien oder auch mit der Analyse von Einzelfällen) überprüfen.

Wenn etwas wirkt, und wir das in empirischen Studien (am besten wiederholt und mit unterschiedlichen Stichproben) zeigen können, dann kann man das mit „evidenzbasiert“ kennzeichnen.

Die ABA-Befürworter folgern weiter: Wenn ABA funktioniert, dann sollten wir das tun.

Bei den ABA-Kritikern sieht das etwas anders aus:

Das Argument, dass ABA unethisch ist, kann empirisch nicht überprüft werden. Denn wir können aus den Dingen, wie sie sich darbieten/ wie sie uns erscheinen/ wie sie sind (= Empirie) nicht entscheiden, ob sie auch so sein SOLLTEN (Was die Grundfrage von Ethik ist).

Daraus folgt: Ob ABA ethisch bedenklich oder unbedenklich ist, kann mit empirischen Studien nicht gezeigt werden. Die ABA-Kritiker können Ihre Argumentation nicht „Evidenz basieren“.

Was nun folgt, ist ein Fehlschluss: Wenn etwas FUNKTIONIERT, dann SOLLTEN wir das tun. Das ist der Schluss vom SEIN (= empirisch beobachtbar) auf das SOLLEN (= nicht beobachtbar). Das hab ich mir nicht ausgedacht – Fehlschlüsse dieser Art werden in der Philosophie unter den Stichworten „Humesches Gesetz“ oder „Naturalistischer Fehlschluss“ behandelt.

Sie ahnen schon, worauf das hinaus läuft:

Daraus folgt, dass aus der Argumentation der ABA-Befürworter, dass ABA funktioniert, NICHT geschlossen werden kann, dass es auch ethisch ist (= sein sollte), das heißt: angewendet werden sollte.

Weiterhin folgt, dass die Argumentation, ob ABA ethisch ist, von der Evidenzbasierung unbeeindruckt bleibt.

Die Frage nach der Ethik wird auf einer anderen Ebene verhandelt als die nach der Funktionalität.

Die Frage der Ethik ist meiner Meinung nach auf einer höheren Ebene angesiedelt als die Frage nach der Funktionalität. Die Frage der Funktionalität stellt sich ab einem Schwellenwert ethischer Bedenken nicht mehr. Es gilt also, zu diskutieren, ob der Zweck hier die Mittel heiligt. Dazu müssen die Beteiligten ihre normativen Überzeugungen (also Ihre Vorstellungen von Ethik) offenlegen.

Ich tue das mal für beide Parteien kurz und knapp:

Normative Überzeugungen

ABA-Vertreter: Das autistische Kind soll(!) ein NORMALES Leben führen können. Das Ziel ist, dass das Kind normal ist.

ABA-Kritiker: Das autistische Kind soll(!) es SELBST sein. Das Ziel ist es, ANDERS in einer bestimmten Normalität zu sein.

Mein Eindruck ist, dass die ABA-Kritiker den ABA-Vertretern diese grundsätzliche Positionierung (dass Autisten ein normales Leben führen können sollen) nicht absprechen, wohl aber Zweifel an den dafür angewandten Methoden äußern. In diesem Fall: ABA.

Von den ABA-Anwendern folgen dann – die völlig unsachlichen Beiträge berücksichtige ich hier nicht – im wesentlichen zwei Antworten:

  • Es funktioniert (z. B. „Meiner Familie, meinem Kind, mir… hat es geholfen“ „Studien belegen die Wirksamkeit“)
  • Das, was ihr [die ABA-Kritiker] für unethisch haltet, ist nicht ABA.

Gut. Wenn ABA also all das ist, was wir nicht für unethisch halten, dann wäre es mal Zeit für eine Defintiion von ABA – aber das ist Quatsch, denn in den Selbstbeschreibungen zu ABA-Programmen ist genügend Stoff enthalten, der ethisch hinterfragt werden darf uns auch sollte(!).

Insofern hat meiner Meinung nach Aktion Mensch die richtige Entscheidung getroffen: Bevor wir die Ebene der Ethik nicht geklärt haben, brauchen wir uns um die Ebene der Funktionalität auch gar nicht zu kümmern.

Es sei denn, wir setzen sein und sollen gleich.


[1] https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/aba-foerderungsstopp.html

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Ein Gedanke zu “Zur ABA-Debatte auf dem Blog der Aktion-Mensch oder: Der naturalistische Fehlschluss

  1. Ich finde, bei dem „es funktioniert“-Argument wird auch immer ausgelassen, *welche* Funktion es erfüllt. Ein normales Leben führen?
    Wohl eher, ein Leben zu führen, bei dem Außenstehende sich einreden können, es sei normal, weil alles, was abweichen könnte, nicht nach außen getragen werden darf.

    Gefällt 1 Person

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