Mein erstes Mal: Ausgedrucktes Internet

zu sehen sind vier Bücher: Verstörungstheorien (Marlies Hübner), Let me hear yourvoice (Catherine Maurice), Alles inklusive (Mareice Kaiser), Henri (Kirsten Erhardt)

Jedes der vier Bücher dreht sich im Weitesten Sinne um Normalität, um das Gegenteil davon, um Inklusion, um das Gegenteil davon, um Kinder, um Eltern, um das, was im jeweiligen Titel steht und vor allem um das Gegenteil davon.

Jedes der vier Bücher ist auf eigene Art ganz besonders[1]:

„Verstörungstheorien – Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“ von Marlies Hübner war mein allererstes Mal ausgedrucktes Internet. Es ist das einzige Buch, das aus der Perspektive der als nicht normal wahrgenommenen Person erzählt. Beim Lesen habe ich eine Frau kennengelernt, deren Freundin ich gern zu Mädchenzeiten gewesen wäre – überhaupt löst das Buch beim Lesen den starken Drang aus, sich in das Buch zu beamen und ins Geschehen einzugreifen. Die Welt, in der der Mensch (mit Autismus) zurechtkommen muss, wirkt verstört.

„Let Me Hear Your Voice – A Family’s Triumph Over Autism [Lass mich deine Stimme hören – Der Sieg einer Familie über Autismus]” von Catherine Maurice war mein Versuch, ABA eine Chance zu geben, denn es war eine Leseempfehlung von einer Pro-ABA-Seite. Es ist das einzige Buch, das ich nicht zu Ende lesen konnte. Ich bin auf Seite 226, das erste Kind, Anne-Marie, ist „gerettet“. Falls sich jemand fragt, was die Post-Its im Buch[2] sollen: Das sind die Stellen, die mich am meisten verstört haben. Wieder, weil der Mensch mit Autismus – eine gegen Ende 3,5-Jährige – damit zurechtkommen muss. Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Mutter (die die Erzählerin ist) die Stimme ihrer Tochter hören möchte. Der „Sieg über Autismus“ bedeutet die vollständige Anpassung des Kindes an die Wünsche der Mutter.

„Henri – Ein kleiner Junge verändert die Welt“ von Kirsten Ehrhardt wollte ich als Aufmunterung nach dem ABA-Buch lesen. Hat so semi geklappt, aber zumindest ist die wertschätzende Haltung der Erzählerin gegenüber ihrem Sohn durchweg deutlich. Henri ist der Junge, der nicht auf das Gymnasium durfte, weil er das Down-Syndrom hat der inklusive Schulversuch nicht über die Grundschulzeit hinaus weitergeführt wurde. Das Buch hat mich wütend gemacht, weil es mir vor Augen führte, wie sehr Inklusion von den Eltern abhängig ist. Henri hat vielleicht die Welt nicht verändert, aber das Buch hat mir gezeigt, wie die Welt ist. Und wie falsch ich das alles (durch die Medienberichterstattung) in Erinnerung hatte.

„Alles inklusive – Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter“ von Mareice Kaiser hat mich tief berührt. Mehrfach. Wegen der Ehrlichkeit der Erzählerin, die sie nicht immer sympathisch aber wahnsinnig authentisch erscheinen lässt. Wegen dem Schmerz des Kindes Greta und der Eltern, wegen der Krassheit, mit der die Welt sich darbietet. Wegen der Behindertenfeindlichkeit, die offenkundig wird, wegen der großen gesellschaftlichen und ethischen Fragen, wegen Satz2 im Nachwort. Weil ich das Gefühl habe, Greta kennengelernt zu haben. Es ist alles inklusive – aber anders, als ich dachte.

Deutlicher noch als vor der Lektüre der vier Bücher ist mir: Von einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch sehr weit entfernt. Sie kommt nicht von allein. Sie muss erkämpft werden. Die Widerstände werden groß sein und sie werden größer, je erfolgversprechender der Kampf wird. Und: Es geht nur zusammen. Selbst, wenn man eine sehr privilegierte Stellung in der Gesellschaft hat.

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[1] Jedes der vier Bücher habe ich selbst gefunden und bezahlt.

[2] Vielleicht schreib ich dazu mal nen eigenen Artikel, denn die Lektüre des ganzen Buches ist wirklich nicht empfehlenswert.

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Die Autorinnen der Bücher lassen sich auch im Internet lesen:

Kirsten Ehrhardt:

https://kirstenmalzwei.blogspot.de/

Marlies Hübner:

http://www.robotinabox.de/

Mareice Kaiser:

http://kaiserinnenreich.de/

Catherine Maurice:

Hab ich keine Lust zu recherchieren. Vermutlich macht sie Karriere mit ABA…

 

 

 

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4 Gedanken zu “Mein erstes Mal: Ausgedrucktes Internet

  1. Zu dem Buch über Henri:
    Das Down-Syndrom zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass die Menschen in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind, oder? Hat der Junge dann trotzdem die gleichen Leistungen gebracht, wie die anderen Kinder am Gymnasium? Was genau ist dann das Problem bei der Zulassung?

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    1. Henri sollte, wie an der Grundschule auch, zieldifferent in einer Inklusionsklasse (mit 2 anderen Kindern mit Behinderung) unterrichtet werden. Dafür hätte das Gymnasium eine inklusionsklasse einrichten können, für die es dann entsprechende Ressourcen gegeben hätte. Das Gymnasium hat sich aber dagegen entschieden, eine inklusionsklasse mit diesen drei Kindern zu führen.

      Henri hat also nicht die gleichen Leistungen gebracht, aber es war zugleich auch nie Ziel, dass er das Abitur machen soll.

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      1. Hm, also hätte er sowieso nie mit den anderen zusammen Unterricht gehabt. Wo ist dann der wesentliche Unterschied dazu, auf eine andere Schule zu gehen, mit Pädagogen, die besser ausgebildet sind, um auf seine Bedürfnisse einzugehen?
        Und in welcher Höhe bewegen sich denn die zusätzlichen Mittel? Stellen die Schulen dann neue Lehrer an? Oder bekommen nur die vorhandenen Lehrer einfach eine zusätzliche Klasse?
        Aus der Alltagserfahrung (meine Mutter ist Lehrerin) ist es so, dass ein Großteil der Lehrerschaft schon mit den „normalen“ Schülern ziemlich überfordert ist, deswegen fällt es mir leicht, mir vorzustellen, dass eine Schule durch eine aufgezwungene Inklusion komplett überfordert wird.
        PS: Ich habe keine Ahnung von dem Thema aus wissenschaftlicher Sicht, habe gerade die Seite „inklusionsfakten.de“ entdeckt und werde dort mal ein wenig herum lesen.

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      2. Doch, er wäre mit den beiden anderen gemeinsam in einer Klasse mit anderen Kindern zieldifferent (=selbes Thema, anderes Niveau bzw. Unterschiedliche Lernmethoden) unterrichtet worden. Exakt weiß ich über die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen leider nicht bescheid, da sich das von Bundesland zu Bundesland (und von Legislaturperiode zu Legislaturperiode ändert).

        Die inklusionsfakten-seite ist glaub ich ganz gut 😀viel Spaß beim stöbern!

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