Mercurius solubilis unsinnibus: Warum Homöopathie genial, aber Quatsch ist

Manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht so genial skrupellos  bin, um auf so Ideen zu kommen. Oder eher: so Ideen durchzuziehen[1]. Homöopathie zum Beispiel. Das ist eine absolut geniale Idee. Mal angenommen, du hast dich noch nicht sehr intensiv mit Homöopathie beschäftigt, was verbindest du damit? Bei mir war es sowas wie „natürlich“ „sanft“ „Alternativmedizin“ „pflanzlich“. Wohingegen mir „Quecksilber“ „unwissenschaftlich“ „nicht evidenzbasiert“ „teuer“ eher nicht in den Sinn kamen. Wenn ich mit Leuten rede, dann sind diese meistens zwar kritisch gegenüber Homöopathie eingestellt, aber viel weiter als „das, was wirkt, ist der Placebo-Effekt“ geht das Wissen um Homöopathie oft nicht. Von dort ist es leider nur ein kleiner Schritt zu der weit weniger kritischen Einstellung:

 „Es ist doch egal, was da wirkt, Hauptsache, es wirkt“.

Diese Einstellung ist völlig okay, wenn  du (a) erwachsen bist und (b) für dich – und nur für dich – entscheidest. Es ist nicht okay, wenn du stellvertretend für ein Kind entscheidest, die Nebenwirkungen von Homöopathie in Kauf zu nehmen. Moment mal: Nebenwirkungen von Homöopathie? Die gibt es gar nicht! Homöopathie – das ist ja gerade das Tolle – hat keinerlei Nebenwirkungen! Das sagen nicht nur Leute, die Homöopathie klasse finden, sondern auch viele, die Homöopathie kritisch sehen. Sie denken, dass Homöopathie zumindest keine negative Wirkung hat. Das stimmt nicht.

Denn die Nebenwirkungen von Homöopathie sind heimtückischer.

Ich weiß nicht, ob es dazu bereits Forschung gibt[2], aber die Begründung für Nebenwirkungen von Homöopathie sind hochplausibel: Durch die Gabe von nicht-wirksamen Medikamenten wird dem Kind vermittelt, dass es gegen alles ein Medikament gibt [zur Problematisierung aus Eltern-Sicht siehe z. B. hier oder hier]. Insofern hat zwar die im homöopathischen Mittel enthaltende Substanz keine Nebenwirkung – was kein Kunststück ist, denn es ist ja meist keine Substanz enthalten (dazu gleich mehr) –  aber das, was wirkt, die Psychologie, kann durchaus Nebenwirkungen haben.

Ungeachtet dessen ist „Hauptsache, es wirkt“ aber auch wissenschaftlich eine bescheuerte Begründung.

Und zwar deshalb, weil der Homöopathie nicht nur keine Wirkung nachgewiesen werden kann, sondern ihr darüber hinaus eine plausible Theorie fehlt. Denn am Beginn wissenschaftlicher Erkenntnis steht zunächst mal eine Theorie. Zum Beispiel die Theorie, dass manche Krankheiten durch Bakterien verursacht werden und die Idee, dass ich die Krankheit bekämpfen kann, indem ich ihre Ursache, also die Bakterien, bekämpfe. Wenn diese Idee stimmt – hier kommen wir zum zweiten Schritt wissenschaftlicher Erkenntnis – dann stimmt auch folgender Satz (auf schlau: eine Hypothese): Wenn Nina eine bakteriell verursachte Hirnhautentzündung hat, dann wird sie wieder gesund, wenn sie ein entsprechendes Antibiotikum bekommt. Wenn Nina eine durch Viren verursachte Hirnhautentzündung hat, dann bleibt jedes Antibiotikum wirkungslos (denn Antibiotika wirken nur gegen Bakterien). Dieser Zweierschritt – eine plausible Theorie und eine daraus abgeleitete Hypothese – folgt dem erkenntnistheoretischen Prinzip des kritischen Rationalismus, eine grundlegende Theorie darüber, wie Wissenschaft zu Erkenntnissen kommt. Die Homöopathie hat folglich ein erkenntnistheoretisches Problem:

Es ist völlig unplausibel, weshalb Homöopathie wirken sollte.

Oder wie siehst du das? Bleiben wir bei dem Beispiel. Ninas Hirnhautentzündung würde – auch wenn sie bakteriell verursacht und somit lebensbedrohlich ist – in der Homöopathie nicht mit einem Antibiotikum bekämpft werden. Stattdessen würde man aus homöopathischer Sicht schauen, was Nina für Symptome hat: vermutlich grippeähnlich plus einen steifen Nacken. Bekämpft werden dann die Symptome anstelle der Krankheit und zwar nicht, wie man das jetzt vermuten würde, durch etwas Fiebersenkendes gegen das Fieber, Massagen gegen den steifen Nacken und so weiter, nein, bekämpft wird Feuer mit Feuer[3]. Und weil das ein bisschen sehr abwegig klingt, nennen wir das Ganze das Simile-Prinzip. Das funktioniert im Wesentlichen so: Wir suchen nach einem Stoff, der ein bestimmtes Symptom auslöst. Koffein macht unruhig, Tabak löst Schwindel aus, Quecksilber führt, bevor es Leber- und Nierenschäden verursacht, zu einem trockenen Mund-Rachen-Raum sowie ebenfalls zu Übelkeit und Schwindel. Wir nehmen einen Tropfen Koffein und mischen ihn mit 10 Tropfen Lösungsmitteln und erhalten Coffea D1[4]. Den Tabak, der ist ja schon giftiger, verdünnen wir lieber etwas stärker, sagen wir im Verhältnis 1:1.000.000 und erhalten Tabacum D6, bei dem kein Tabakmolekül mehr nachweisbar ist. Beim Quecksilber gehen wir auf Nummer Sicher und wählen D24 – also 1:1.000.000.000.000.000.000.000.000. Und weil Quecksilber selbst so noch irgendwie giftig klingt (obwohl es so hoch verdünnt nicht mehr existent ist), nennen wir es trotzdem lieber bei seinem lateinischen Namen:

Wetten, dass sich „Mercurius solubilis D24“ besser verkauft als „Im Verhältnis 1:1024 verdünntes Quecksilber“?

Diese Verdünnung ist nach homöopathischer Lehre, die btw. auf Samuel Hahnemann (1755-1843) zurückgeht, allerdings keine Verdünnung, sondern eher eine Vermehrung. Wahrscheinlich weil die Potenzzahl, die benötigt wird, um das Verdünnungsverhältnis anzugeben, immer größer wird, wirkt es so, als hätte „Potenzierung“ (das ist das Homöopathie-Wort für Verdünnung) etwas mit Vergrößerung zu tun. In der Homöopathie gilt D24 folglich als wirkungsvoller als D1 (obwohl ein D1-Globuli mit Quecksilber oder Tollkirsche zu Vergiftungserscheinungen führen würde). Soweit, so unplausibel. Fun Fact: Es wird nur die Wirkung dessen, von dem man will, das es potenziert wird, potenziert. Wenn ich also Mercurius solubilis[5] mit Zuckerlösung mische, dann wird das Quecksilber wirksamer, alle anderen Stoffe, die im Lösungsmittel enthalten sind (zum Beispiel Zucker, aber auch Verunreinigungen oder Salze), aber nicht. Woher die Stoffe wissen, dass sie dem Globuli den Namen geben und folglich wirksamer werden sollen, während sie gleichzeitig immer weiter verdünnt werden bis sie nicht mehr nachweisbar sind, verrät die homöopathische Lehre nicht.

Ich finde das ehrlich gesagt eine ziemlich quatschige unplausible Theorie. Was allerdings extrem genial ist, ist, dass man durch diese Annahme umhin kommt, wirklich zu verdünnen – ob man auf die Homöopathie-Art verdünnt oder von vornherein Zuckerkügelchen nimmt und auf das Etikett Coffea D12 schreibt – der Unterschied lässt sich wissenschaftlich nicht zeigen. Er beruht allein auf Glaube.

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[1] Der Plan für meine Sekte steht, wer mitmachen will – bitte kommentieren.

[2] Falls jemand etwas kennt, bitte kommentieren!

[3] schließlich weiß jeder, dass das Löschen mit Wasser nicht funktioniert. Ähh…

[4] Achtung! Ausgangsstoffe, wie zum Beispiel Quecksilber oder Arsen sind in solchen Verdünnungen giftig und können zur Vergiftungserscheinungen und zum Tod führen!

[5] Wer dabei nicht an Harry Potter denkt, werfe den ersten Stein hat es nicht gelesen schreibt einen Kommentar.

Auch interessant: Was sagen die Listen zur Sozialwahl zu Homöopathie?

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2 Gedanken zu “Mercurius solubilis unsinnibus: Warum Homöopathie genial, aber Quatsch ist

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